Hotel Chaos

Zur Aufführung des Theaterstückes    

Im Hotel Chaos – verschieden und doch gleich“   15/16.6.2016

 

Vor ein paar Wochen führte der DS-Kurs,  den ich anleitete, das Theaterstück „Im Hotel Chaos“ auf. Vom Publikum wurde es sehr warmherzig aufgenommen. Unter den Zuschauern waren jüngere sowie ältere Menschen - viele Schulkameraden, einige Eltern, manche Theaterprofis. Das heterogene Publikum beobachtete sehr gespannt und mitfiebernd das Geschehen; man könnte sagen, dass das Publikum die Aufführung regelrecht getragen hat. Die Fans warteten auf die Witze, die sie schon kannten, kleine Kinder mochten besonders die lustige Figur mit schwarzer Perücke, die Lehrer genossen vielleicht eher die mittleren Szenen mit alten Kostümen und weißen Perücken.

 

Dabei handelte es sich um zwei Szenen aus einem seit 250 Jahren erfolgreichen  Stück von Carlo Goldoni, Mirandolina, das uns in die lebendige Theaterwelt der Commedia dell’arte zurückführt. Um die „alten Szenen“ Goldonis, die mit ihrer erlesenen Sprache und den alten Kostümen in der Mitte unseren Stückes hervorstechen, stehen viele von den Schülern selbst entworfene Szenen, in denen sich moderne Figuren und Handlungsstränge sich der alten Commedia nähern und sich ihr als ebenbürtig erweisen. Man könnte sagen, beide Welten – die Commedia Goldonis und die Welt der Schüler - haben sich unbewusst berührt und gegenseitig inspiriert; und das war vor allem ein Verdienst der dreizehn theaterschaffenden Schüler. Diese befassten sich lange mit den dramaturgischen Widersprüchen, erkämpften ein  ausgewogenes Resultat und spielten  es überzeugend.

 

Theaterstück oder Eigenproduktion?

Wenn man andere Schulen Berlins betrachtet, sieht man eine äußerst bunte und bewegte Theaterlandschaft manchmal mit halbprofessionellen Ergebnissen. Beim jährlichen Treffen „Theater der Schulen“ werden sowohl Inszenierungen von bekannten Theaterstücken als auch spannende aber nicht unumstrittene Theaterprojekte präsentiert, die Spielideen von Schülern wiederspiegeln.

Als wir im Kurs darüber sprachen, äußerten die meisten Schüler  den Wunsch, der eigenen Kreativität freien Lauf zu lassen und etwas Lustiges  auf die Bühne zu bringen.

Schwierig war es, ein gemeinsames Thema zu finden und eine gemeinsame und kohärente Handlung zu gestalten. Das Ergebnis – das zwischen Gegenwart und Vergangenheit, schülernaher Aufführung und Literaturtheater pendelt – erreichten wir am Ende eines langen und holprigen Weges. Es gab zwar ein von mir zusammengestelltes Gerüst von Szenen aus der Komödie Mirandolina für diejenigen Schüler, die „fertige Szenen“ spielen wollten, man begann aber den alten Text in Frage zu stellen und an möglichen Verbindungen zwischen den alten und den neuentworfenen Szenen zu arbeiten.  Man überlegte sich aber auch, die „alten Szenen“ ganz zu streichen.

Die durch Improvisationen neu entworfenen Szenen spielten sich alle an einem Ort ab – einer Pension in Florenz – und  waren zum Teil realistische, die viel über Reisevorstellungen der Schüler verrieten, zum Teil fast surreale Szenen. Ich staunte immer wieder als nach mühsamen Freitagnachmittagsstunden plötzlich frische und überzeugende Ergebnisse da standen. Die große Schwierigkeit war es, diese Szenen miteinander zu verbinden sowie die unterschiedlichen Vorstellungen von mir und den sehr heterogenen Schülern zusammenzuführen. Ein bindendes Element stellte nicht nur der Handlungsort sondern auch die Figur des Portiers dar, der durch Verwechslungen die Handlung mischt und durch seine Präsenz als moderner „locandiere“ (Wirt) die anderen Figuren miteinander verband.

 

Die „Location“  des Theaterstückes war nicht zufällig, denn mit der schlichten Bühnenanweisung „Una locanda a Firenze“  („Ein Gasthaus in Florenz“) beginnt eben das Stück „La locandiera“ („Mirandolina“), dessen Autor und Regisseur Carlo Goldoni im XVIII Jh. die starren Masken der Commedia dell’ arte zu menschlichen Figuren formte.

 

Von den „alten Szenen“ Goldonis blieben in unserem Stück nur zwei übrig – die sogenannte „Männerszene“, in der zwei um die Gunst der Wirtin buhlende Adelige von einem Frauenhasser ausgelacht werden sowie die darauffolgende Szene, in der Mirandolina  den arroganten Kavalier   eines Besseren belehrt.  Die zwei Szenen blieben  am Ende des zweiten Aktes bestehen und markieren den Wendepunkt der Handlung: Als Reise in die Vergangenheit der Florentiner Pension und als ideale Projektion der  heutigen Figuren in eine alte Zeit, in der die Gäste ähnliche Leidenschaften und Macken hatten wie die heutigen Menschen auf Reisen.  Nach dieser Spukszene ändert sich die Chemie zwischen den Figuren, die allmählich zueinanderfinden und nach einer Lösung streben.

 

Bald fing aber der Geist der Komödie Goldonis auch in die „neuen“ Szenen einzudringen. Viele Figuren nahmen Züge an, die an die alten Typen der Commedia  dell’arte erinnerten – der alte Opa, der junge Mädchen belauscht; der arrogante Workalcoholic,  der ständig telefoniert sowie die alternde Mutter, die sich auf dem Handy der Tochter Bilder von Jungs anschaut.

 

An die Commedia  erinnern auch die überall lauernde Agentin als modernes Schlitzohr sowie der selbstgefällige reiche Mann, der mit Geld prahlt.

Vor allem aber ist es der ungeschickte und chaotische Rezeptionist, der mit sanften Blicken und viel Kopfschütteln  die Zuschauer in die verrückte Welt dieser merkwürdigen Gestalten einführt. Obwohl er sich immer wieder vergisst und von manchen Gästen herablassend behandelt wird, gibt er in den Zwischenspielen seine rebellische Natur preis und zeigt bei dem Rap „In Italia“  die Wut und die Frustration  vieler jungen Italiener. Die herrliche Umbauaktion des wütenden Tonis wurde von seinem Darsteller frei interpretiert und von dem Publikum mit Begeisterung aufgenommen.

 

Bei den Proben zeigte sich nämlich eine wachsende Kreativität,  die immer wieder zu neuen Spielideen führte. Nach jeder Probe musste der dramaturgische Text geändert und aktualisiert werden, Improvisationen sowie Ansprachen an das Publikum wurden eingebaut, Spielorte konkreter erforscht und ausprobiert.  Die besten Regieideen fielen den Schülern ein – wie zum Beispiel das Telefonat zwischen dem Manager und seiner Agentin, das bei einer Probe von den darstellenden Schülern präsentiert und von den anderen begeistert angenommen wurde.

  Wenn am Anfang mit dem Satz „unlogisch!“ alles immer wieder in Frage gestellt und geblockt wurde, gaben sich die Schüler allmählich der Theaterillusion hin  und begannen mit dem Raum freier umzugehen, indem sie imaginäre Zimmer beanspruchten, deren Wände immer durchlässiger wurden.

 

Die Lichteinstellungen, die so sensibel die Szenerie und die Spieler nacheinander aufdeckten, wurden ebenso von Schülern entworfen.   Bei der Musik versuchte ich zwar ein gewisses Lokalkolorit einzubringen, ließ der Musik der Schüler jedoch allmählich mehr Raum.  So ertönen  das Lied von Billy Joel für die lockere Rückkehr aus der Vergangenheit, der von Sandro und Lisa schön interpretierte Song „One call away“ für die allgemeine Versöhnung und die Filmmusik am Ende,  bei der die Spieler ihre Spiel- und Tanzfreude zum Ausdruck brachten und das Publikum begeisterten.

 

Was aber die Zuschauer  am meisten freute und überzeugte,  war die Identifikation der Spieler mit ihren Figuren – sowohl aus der Vergangenheit als auch aus der Gegenwart - und die große Spielfreude, mit der die Schüler trotz Sportkursen und Referaten,  Gedächtnislücken und persönlichen Problemen drei Aufführungen absolvierten. Und wenn die letzte interne Aufführung vor einer mit Schülern überfüllten Aula nicht mehr so gut wie vor zwei Wochen lief, schätzte ich umso mehr die solidarische  Einstellung der Schüler und deren Fähigkeit, in einer Notsituation sehr flexibel und spielerisch zu handeln  (ist das nicht die größte Lektion vom Theater?). Da ein wichtiger Spieler kurz vor dem Beginn plötzlich wegblieb, wurde er von einem Fan spontan ersetzt, der das Stück zweimal gesehen hatte (Niklas sei an dieser Stelle gedankt!); nach der anfänglichen Bestürzung spielten alle mit einer gewissen Theaterroutine weiter, der Mutige wurde schnell belehrt und die anderen Spieler kompensierten, was er vergaß.

Wie in einer früheren Theatertradition wurde an dem Tag  viel improvisiert und vieles ging schief, ohne dass es die Zuschauer störte -  da Theater ein emotionales Zusammenspiel ist, was von lebenden Schauspielern vor einem lebenden Publikum präsentiert wird. Als solches ist jede Aufführung immer einmalig, einzigartig aber auch risikobehaftet, flüchtig und trotz der vier Kameras an dem Tag im Einsatz fast unmöglich festzuhalten.  Aber dafür bewährt er sich immer wieder als spannend, voller Überraschungen und einfach lebendig.

 

Noch vielen Dank an die Schulleitung für die finanzielle und logistische Unterstützung sowie an Herrn Schein für seine Hilfestellung;

Danke an Frau Rammler-Eulitz für die Kostüme und das Einstudieren des Duetts;

Danke an Herrn Bickert  für die Ausleihe der Kameras und Laptops;

Danke an Frau Baasner und an Herrn Großkurt  für die  guten  Ratschläge;

Danke an Herrn Vullo für die schönen Fotos und die Vertretungen;

Den Schülern Kevin, Daniel, Illian danke ich für die Filmaufnahmen, Sophie für die Technik, Svenja, Fabienne und Laura für die Abendkasse!

L. Tirone-Matej

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