Vom Ernst des Spielens

Vom Ernst des Spielens

Das Theaterstück „Spielwut“ - Entstehung und Intention

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Ein Mädchen quengelt, will aufs Klo, möchte ein Eis haben, will nicht mit den Eltern durch Venedig laufen, .... und spielt immer weiter mit seinem Tablet.

Das Bild ist nicht ungewöhnlich, auch nicht an unserer Schule.

Die Abhängigkeit vom Tablet oder vom iPhone zeigt sich besonders bei Kindern und Teenagern in ihrer vollen Wucht. In den Schulpausen vergessen die Schüler zu essen und zu trinken, sie wirken im Unterricht aufgedreht und haben keine Hemmung, alles zu sagen, was ihnen durch den Kopf geht. Elternabende in der Schule werden zu Beratungsgesprächen.

Wie war es früher, zum Beispiel als wir alle – Lehrer und Eltern – noch Kinder waren und es noch keine Computer, Handys oder Tablets gab und die Jugendlichen sich beim Schulschwänzen in Spielhallen herumtrieben? Und wie war es noch früher, als Sprösslinge aus guten Familien in einer Nacht ein Vermögen verspielten?

Kurz gesagt: Wann wurde und wird noch heute ein harmloser Zeitvertrieb zur Sucht?

Wann wird ein Objekt, eine Freizeitbeschäftigung, eine Speise oder ein Getränk zum Suchtmittel? Welche Folgen hat es für einen selber und welche Folgen für Menschen, die einem nahestehen?

Unser Stück Spielwut, das am 28. und am 29. Mai 2019 in der Aula aufgeführt wurde, hätte eigentlich auch „Spielsucht“ heißen können; denn es ist nicht ganz verkehrt, bei der Abhängigkeit von digitalen Medien von einer “Sucht” zu sprechen.

Das Problem war: Wie kann dieses brisante Thema in einem Theaterstück mit Distanz und Ironie behandelt werden, so dass es nicht zu einem moralistischen Lehrstück wird?

Am Anfang gingen wir – 16 SchülerInnen des Grundkurses DS + eine anleitende Lehrerin - von unserer eigenen Situation aus und überlegten, welche Dinge uns wichtig sind und aus welchen Gründen sie für uns so kostbar werden konnten, dass wir an ihnen fast abgöttisch hängen.

Die DS Schüler brachten an einem Tag im Januar jeweils einen Gegenstand mit, der für sie eine besondere Bedeutung hat – sei es wegen der Erinnerungen, die daran geknüpft waren, sei es wegen der Freiheit, die es ermöglichte. Es kam eine bunte Sammlung an Objekten zustande, die Schüler brachten Hausschlüssel und Schlüsselanhänger, geliebte Uhren und Kopfhörer, Halsketten, Ringe und einen Lippenstift, ein Buch, einen Terminkalender und nur ein einziges iPhone.

Die darauffolgende Aufgabe, eine Liebeserklärung an das Objekt zu schreiben, meisterten die Schüler in wenigen Minuten. Laut Vorgabe sollte die Liebeserklärung mit den Worten: „Oh du mein Labello/ mein iPhone/ meine Kette/ meine Kopfhörer/ …“ beginnen.

Das Ergebnis war verblüffend schön, denn bei vielen Texten entfaltete sich Kreativität, Leidenschaft, aber auch ironische Distanz.  Hier ein Beispiel, das später im Stück im Bezug aufs Tablet übernommen wurde:

Mein liebes iPhone, du bist mir so wichtig. Du ermöglichst mir die Sprache zur Welt, du besitzt die meisten meiner Passwörter und hilfst mir, wenn ich mich verlaufe, egal wann und wo, du bist da, wenn man dich braucht.

Seit 2 Jahren nun bist du an meiner Seite und du hast mich nie enttäuscht, außer wenn du kein Akku mehr hast. Du und nur du besitzt meine Bankdaten, du und nur du ermöglichst mir immer Musik zu hören, wenn ich es beliebe und du nur du mein iPhone 8 plus mit 512 GB Speicher ermöglichst mir immer Zugriff zu meinen Daten wenn ich es benötige, Was würde ich bloß ohne dich tun?

Die meisten Gegenstände verrieten aber intime Erinnerungen und Gefühle, die den Spielern zu nah waren, um auf die Bühne gebracht zu werden. Um Distanz zu schaffen, wurden einige Szenen gespielt, wo dieselben Objekte anders benutzt wurden:  Ein religiöses Buch wurde bei einer Hochzeit zum Tablet, eine Halskette zu Handschellen ...

Und trotzdem kamen wir nicht weiter, denn die Abhängigkeit von einem iPhone oder einem Tablet ist heutzutage allzu gegenwärtig und selbstverständlich. Sie wirkt harmlos und natürlich, so dass wir es kaum noch wahrnehmen – in der U-Bahn, im Zug, in einem Lokal ist jeder erst einmal mit seinem iPhone beschäftigt und dann erst mit seinem Gegenüber.

Aber wie wäre es, wenn plötzlich jemand aus den Achtziger Jahren mit einer Zeitung auftauchen würde und versuchte, mit seinem Sitznachbarn eine Diskussion über Politik oder Fußball anzufangen, der gerade auf seinem Tablet Nachrichten liest?

Oder wenn ein Tourist von früher mit einer schweren Kleinbildkamera mit 24 Aufnahmen plötzlich die Möglichkeiten der modernen Handys – wie unsere Donna Marzia im Stück – entdecken würde? 

Andererseits: wie weit soll und darf man in die Zeit zurückgehen, um ironische Distanz zu schaffen? Und: Wieviel Vergangenheit vertragen unsere Schüler?

Goldoni kam uns mit der noch heute lebendigen Figur Eugenios aus dem Stück „Das Kaffeehaus“ entgegen – ein Glücksspieler, der sein Vermögen am Kartentisch verprasst und seine Familie und sein ganzes Leben aufs Spiel setzt.

Nicht nur die Handlung, auch die Sprache der Komödie könnte den Schülern weiterhelfen, bei selbstentworfenen Szenen den alltäglichen Small Talk zu vermeiden.

Einige Schüler äußerten den Wunsch, ein klassisches Theaterstück zu spielen, statt einer Collage von selbstentworfenen Szenen und zeigten sich willig, längere Texte und Dialoge zu erlernen.  Andere wollten eher Szenen selber schreiben, die in der Gegenwart spielten.

Und doch: Wie konnte man die Spielsucht von früher und die heutige Abhängigkeit von Computerspielen oder vom Tablet/iPhone miteinander verbinden und so alte Figuren aus der Commedia dell‘Arte mit moderneren Figuren auf der Bühne in Berührung bringen?

Sollten moderne und antike Figuren vom Anfang an auf der Bühne präsent sein oder sollte man die Vergangenheit und ihre Parallele zur Moderne wie durch eine Zeitmaschine auf der Bühne ins Leben rufen?

Eine Exkursion zum Kostümfundus der Art-schule Atrium nach Reinickendorf brachte uns auf neue Ideen. Obwohl eine ziemlich detaillierte Beschreibung der Figuren im Fundus eine Auswahl vor Ort schon vorbestimmt hatte (da hängen Tausende von Kostümen!), fanden einige Schüler originelle Kostüme und Hüte aus einer früheren Zeit, die einfach inspirierend waren. Die lange Fahrt mit der S-Bahn animierte zudem einige Schüler zum Philosophieren. Die Ergebnisse beeindruckten uns alle und beeinflussten später das zweite Finale.

In den darauffolgenden zwei Monaten wurden einige Szenen aus der Komödie Goldonis ausprobiert und verändert und neue Szenen dazu geschrieben. Große Spielkarten fungierten in neuen Szenen als Glücks- oder Unheilbringer oder zeigten die Verwirrung naiver TouristInnen Im Labyrinth Venedigs.

Als wir einigermaßen fertig waren, stellte ich fest, dass die 22 Szenen eine Zumutung darstellten: Die Handlung war zu kompliziert und die ständigen Auf- und Abgänge, die typisch für alte Komödien sind, waren so verwirrend, dass die meisten Schüler den Überblick verloren hatten.

Einige Schüler hatten dazu große Schwierigkeiten, ihren Text überhaupt auswendig zu lernen; die langen Dialoge lasteten auf den Schauspielern, die kraftlos versuchten, sich an ihre Sätze zu erinnern und sich dabei – das Skript in der Hand - kaum noch bewegten.

Zu diesem Zeitpunkt kam uns die Choreographin Cristiana Battistella zu Hilfe, die mir in den Sinn gekommen war, weil sie an der Europaschule die Abhängigkeit von Grundschulkindern vom iPhone in einer schönen Choreographie dargestellt hatte.

Cristiana begann mit großer Energie, die skeptischen Schüler für ungewöhnliche Tanzarten zu motivieren.

Die mit modernen Instrumenten gespielte barocke Musik des „Rondò Veneziano“ sowie die eleganten Bewegungen und Verbeugungen des Menuetts am Anfang des Stückes versetzten die Schüler (sowie später das Publikum) in eine zeitlich und geistig fremde Dimension, in der es fast natürlich vorkommen kann, dass elegant und antik gekleidete Venezianer auf  heutigen Touristen treffen und von denen bestaunt und fotografiert werden.

Dank der Visualisierung der Handlung in der allmählich erarbeiteten Choreographie konnten sich die Schüler besser in die Atmosphäre des Stückes und in die eigene Figur hineinversetzen.

Auch die zweite Choreographie mit der hinreißenden Musik der Lunapop „50 Special“, die dem Publikum so gut gefallen hat, reflektiert die Handlung, auch wenn auf eine eher phantastische und träumerische Art: sie sollte einen Stimmungswechsel mitten im Stück  markieren sowie die alten und modernen Figuren durcheinander  mischen, wie Eugenio es selber tut, indem er mit der zurückgekauften Vespa durch die Menge rast.

Dieses Motorrad aus den Fünfziger Jahren, die mythische noch heute so verbreitete Vespa – ist ein absolutes Kultobjekt und Symbol der gelassenen und freien Lebensart der „Dolce vita“ und stellt den Wunsch Eugenios, aus der Enge seines  bürgerlichen Lebens  zu entfliehen.

Wie der Sänger Cesare Cremonini in einem Interview sagt, „Vespa = libertà!“.

Jeder Sucht oder Abhängigkeit liegt seit Jahrhunderten derselbe Wunsch zu Grunde, frei von gesellschaftlichen Konventionen und Zwängen des Alltags zu sein, um in eine parallele Welt allen Problemen zu entfliehen.

Eben diese Stimmung von Freiheit  und großer Spielfreude konnten die Schüler – die gerne eine echte Vespa auf die Bühne gebracht hätten - dank der Schönen Choreographie zum Ausdruck bringen.

Und doch, trotz aller Begeisterung für die Choreografien, die allmählich von Cristiana und den Schülern erweitert und vervollständigt wurden, und der zunehmenden Geschmeidigkeit der Bewegungen der Schüler auf der Bühne, erwiesen sich die Proben - durch die Realität des Schulalltags bedingt -  immer noch als zäh und problematisch.

Als es sich am Ende doch alles plötzlich zusammenfügte und wie selbstverständlich lief, wirkte es für alle Beteiligten beinahe wie ein Wunder. Umso trauriger war es, sich nach den zwei Aufführungen von den lieb gewonnenen Figuren zu verabschieden. Der leichtsinnige Eugenio und seine melodramatische Frau Vittoria, der lustige Trappola und der gutmütige Ridolfo, der diabolische Pandolfo und seine Zigeunerin Placida; die zwielichtige Donna Lisaura und vor allem die geldgierige und trotzdem mitfühlende Donna Marzia;  die naiven Touristinnen mit ihrer verrückten Reiseleiterin, das nervige Mädchen mit dem Tablet und deren zerstrittene und desorientierte Eltern.

Berlin, den 9.6.2019, L. Tirone-Matej

 

Da jede Theateraufführung das Ergebnis einer komplexen Synergie ist, geht mein besonderer Dank ....

- an Frau Mull und Frau Meyenberg, die uns bei der Organisation der Proben und der Zusammenarbeit mit der Choreographin unterstützt haben;

- an Cristiana Battistella für die wunderbaren Choreographien und ihrer Bereitschaft, viel Zeit und viele Ideen in das Projekt zu investieren;

- an Sascha Thiede u. Julian Klose für die Lichttechnik;

- an Kevin Kapuschik für die Videoaufnahme;

- an Fabrizio Morleo für die Mitarbeit am Bühnenbild;

- an Carlo Goldoni, der vor fast 3 Jahrhunderten die Komödie „La Bottega del Caffè“ schrieb,  „um Fehler zu verbessern und schlechte Sitten lächerlich zu machen“.

- an die 16 SchülerInnen des Grundkurses Jamie, Joel, Laura I, Larissa, Damir, Lalem, Sarah, Lisa, Jasper, Marie,  Rozerin, Salman, Celine, Chiara, Laura II, Annika -  nicht nur weil sie sehr gut gespielt und ihre Figuren mit Begeisterung verkörpert haben, sondern auch weil sie trotz vieler Schwierigkeiten das Theaterprojekt gemeinsam und solidarisch miteinander gemeistert und über die Bühne gebracht haben!

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